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Mazedonien
Welcher enthusiastische Skifahrer träumt nicht von unverspurten, einsamen Tiefschneehängen in einer unberührten Gebirgswelt? Der absolute Traum ist es, auch noch mit einem Helikopter zu diesen atemberaubenden Abfahrten geflogen zu werden, die vielleicht noch nie zuvor ein Mensch befahren hat. Nicht jeder hat jedoch das nötige Kleingeld für einen Heliski-Urlaub in Kanada oder im Kaukasus. Und die Tiefschneehänge in den westeuropäischen Skigebieten sind nach wenigen Stunden von hunderten Spuren durchzogen. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels!

Ende Jänner sprach ich in München mit einem erfahrenen Freerider und fragte ihn eher beiläufig: „Und - welches Gebiet ist deiner Meinung nach das beste der Welt?“ Ohne zu überlegen sagte er: „Mazedonien!“. Mazedonien? Aha! Jetzt musste ich kurz nachdenken: nördlich von Griechenland, zwischen Albanien, Serbien und Bulgarien gelegen, ist es in unseren Kreisen sicher nicht der Inbegriff für einen gelungenen Skiurlaub. Nachdem mich aber das Außergewöhnliche mein Leben lang schon reizt, beschließe ich Anfang März, die mazedonischen Berge zu erkunden. Mittlerweile hatte ich bereits regelmäßig Kontakt mit meinem neuen kroatischen Freund Tomislav, der mir das Gebiet empfohlen hat. Vor kurzem hat er sich in der kleinen Gemeinde Popova Shapka eine Pistenraupe gemietet und lässt sich von Einheimischen zu absolut unberührten Tiefschneehängen mit Abfahrten bis zu 1.000 Höhenmetern bringen.

Dazu muss man ein paar Hintergrundinformationen kennen: Popova Shapka liegt etwa eine Stunde von Skopje, der Hauptstadt von Mazedonien, entfernt.  Skopje liegt auf ca. 250 Metern Meereshöhe, Popova Shapka jedoch bereits auf 1.700m. Vor rund 15 Jahren war diese kleine Ortschaft eines der besten Skigebiete im südosteuropäischen Raum. Im Krieg, Ende der 90iger Jahre, wurde aber vieles zerstört und seitdem fristet das Skigebiet eher ein Dasein wie aus einem Mad Max Film. Maximal am Wochenende, wenn sich Touristen aus Albanien oder dem Kosovo in das Skigebiet verirren, und zufällig jemand irgendwo Ersatzteile und Benzin auftreibt, ist einer der alten Lifte für 15 – 20 Minuten in Betrieb. Absolute Jubelstimmung herrscht, wenn der Lift für 1 Stunde in Betrieb gehalten werden kann. Ein sehr abstraktes Szenario, wenn man das live miterlebt. Lange Rede, kurzer Sinn. Was von der Hohezeit noch übrigblieb – und das in erstaunlich gutem Zustand – sind die Pistenraupen. Die Fahrer der Pistenraupen haben jetzt eigentlich nicht mehr viel zu tun und erkunden deshalb die Berge in der Umgebung mit ihren Fahrzeugen. Thule, unser Fahrer, erzählt uns begeistert, auf welchen Gipfeln er schon überall mit seinem Pisten Bully 200  war. Vieles klingt unvorstellbar wenn man bedenkt, wie steil und schmal viele Grate sind, die zu den besagten Bergen führen. Er erklärt uns genau, warum das 200er Modell von Pisten Bully das beste ist. Es ist leicht und wendig, somit kann er schmale Grate und steile Hänge bewäligen. Thule hat in das 200er Modell aber den stärkeren Motor des Pisten Bully 300 eingebaut. "Das geht dann noch ein bisserl besser, denn die Maschine hat jetzt 330 PS!"
 

Doch ich möchte eigentlich von Anfang an beginnen. Am 7. März ist es soweit. Ich stehe in der Abflugshalle am Flughafen Wien und fliege in Kürze mit Austrian Airlines direkt in ca. eineinhalb Stunden nach Skopje.

Die erste Überraschung erfolgt am Flughafen. Die Maschine der Austrian ist das EINZIGE Flugzeug am gesamten Flughafen. Sowas habe selbst ich – soweit ich mich erinnern kann – noch nie erlebt. Die Passkontrolle und Gepäckausgabe funktioniert reibungslos. Selbst meine Telemark-Ski sind unbeschadet angekommen. Vor dem Flughafengebäude wartet bereits das bestellte Taxi auf mich. 30 Euro für die 120 km nach Popova Shapka sind ein durchaus fairer Preis. Die Autobahn in Mazedonien ist in hervorragendem Zustand. Und selbst die Straße, die von Tetovo auf 20 km in Serpentinen von 250m auf 1.700m nach Popova Shapka führt, ist in überraschend gutem Zustand. Gegen 20:00 Uhr erreichen wir unser Ziel und ich bekomme mein einfaches Zimmer in einer kleinen Hütte, wo mich bereits die zwei Freerider Nenad und Darije aus Kroatien erwarten. Ich werde freundlich begrüßt und wir gehen in das nahegelegene Militärquartier zum vorzüglichen Abendessen. Etwas rustikal und sehr einfach ausgestattet würde ich sagen, aber das schmackhafte Essen und die freundlichen Leute machen das wieder wett.

Am nächsten Tag in der Früh blicke ich aus dem Fenster und mir verschlägt es kurz den Atem und ich bin plötzlich furchtbar aufgeregt. Damit hätte ich nicht gerechnet: im gelben Licht des Sonnenaufganges bietet sich mir ein Ausblick auf perfekte Tiefschneehänge. Ein Blick auf den Berg und ich finde gleich unzählige Lines, die man befahren könnte.

Die Berge wirken unspektakulär, da sie weder wild noch schroff sind, sondern aus vielen Kuppen, atriumsgleichen Gebirgszügen und weiten offenen Flächen bestehen. Ungeduldig zapple ich beim Frühstück herum und kann es kaum erwarten bis es losgeht. Um 09:00 Uhr kommt endlich Thule, der Fahrer unserer Pistenraupe. „Snow Cat“ nennt man das jetzt  - und somit wird das Skifahren mit der Pistenraupe auch Snow-Cat-Skiing genannt. Da die Lifte ja nicht mehr in Betrieb sind, geht es erstmal mit der Schneekatze auf den Berg.

Die Gegebenheiten sind wirklich einmalig. Hat man erstmal den Bergrücken erreicht, geht es entlang eines flachen Grates endlos dahin. Hier kann man je nach Lust und Laune Abfahrten in alle Himmelsrichtungen wählen. Kurze, leichte oder lange, steile Abfahrten warten auf uns. Es gibt natürlich auch die Kombination kurz und steil oder lang und leicht. Meist sind es weite, offene Hänge. Wir finden aber auch steile Rinnen und schöne Waldabfahrten. Unten angekommen, holt uns die Schneekatze wieder ab und bringt uns zur nächsten Abfahrt. Eine Auffahrt mit der Schneekatze dauert ca. 15 – 20 Minuten. Die Abfahrten haben zwischen 800 und 1000 Höhenmetern.  Zu Mittag essen wir eine klassische Jause im Schnee oder in der Schneekatze – je nach Lust, Laune und Wetter.

An den ersten beiden Tagen hatten wir wenig Wetterglück und ich konnte das Gebiet noch nicht so 100%ig einschätzen. Am dritten Tag jedoch erwartete uns ein strahlender Tag und über Nacht hatte es ein paar cm geschneit. Jetzt erst erkannte ich das riesige Potential dieser Region. Das, was ich an den ersten beiden Tagen bereits als groß eingeschätzt hatte, stellte sich nun als nur zirka 10% Fläche der gesamten Region heraus, die mit dem Snowcat zu erreichen ist. Acht riesige Gebirgsstöcke mit unzähligen, noch nie befahrenen Abfahrten warten hier auf Ski- und Snowboarder aus aller Welt.

Trotzdem es hier – wie überall in Europa – den gesamten Februar kaum Neuschnee gab, waren die Bedingungen zwar nicht perfekt, aber dennoch noch recht gut. Vor allem aber gab es außer uns dreien keine anderen Skifahrer und somit auch keine anderen Spuren im Schnee. Nur ein Kanadier aus Calgary begegnete uns in den 3 Tagen, der alleine mit Tourenskiern das Gebiet durchstreifte. Er kommt jedes Jahr hierher, erzählt er uns. Es ist das beste Gebiet der Welt, erzählt er weiter. Und das mag schon etwas heißen, wenn das ein Kanadier aus den Rocky Mountains sagt.

Wir beschließen, heute noch tiefer in das Gebiet einzudringen. Der Grat wird zu schmal für die Schneekatze, das Weiterfahren zu gefährlich. Auf der anderen Seite des riesigen Atriums habe ich eine steile Rinne entdeckt, die ich gerne erstbefahren würde. Nicht übertrieben spektakulär, aber doch so, dass es mich irrsinnig reizt. Wir schultern die Ski und Nenad zeigt mir den Weg über den Grat. Gemeinsam stapfen wir ca. 45 Minuten fast bis zum Ende des Kammes. Immer wieder muss ich stehenbleiben und versuche zu kapieren, wie viele Abfahrten man hier machen könnte, ohne eine fremde Spur kreuzen zu müssen. Und alles ist so leicht erreichbar - ohne teuren Helikopter oder stundenlange Besteigung. Schlußendlich gelangen wir zum Beginn der Rinne. Nenad zieht die erste Spur über eine weite, offene Fläche. Darije folgt - die beiden sind Freerider wie sie im Buche stehen. Wedeln ist out - der schnellste Weg ins Tal zählt. Mit ihren 2 Meter langen und 14 cm breiten Latten ziehen sie ihre Spuren mit nur wenigen Schwüngen bis ins Tal.

Ich wähle - wie geplant - die etwas engere Linie durch eine kleine, steile Rinne und finde dort knietiefen Powder. Die enge Linie fällt mir nicht leicht, mit meinen Telemark-Ski, doch am Ende der Rinne lasse auch ich es zischen und im klassischen Telemarkschwung geht es in langen, schnellen Schwüngen wie auf Wolken bis zur Waldgrenze, wo unsere Schneekatze bereits auf uns wartet und uns zur nächsten Traumabfahrt bringt.